„Wein ist nicht kompliziert. Entweder schmeckt er oder nicht!“

Mit Büchern wie Der Kleine Johnson wurde der Brite Hugh Johnson zum erfolgreichsten Weinautor der Welt. Im Interview verrät der Weinexperte, wie man Weinkenner wird, warum man immer seiner eigenen Nase vertrauen kann – und weshalb britische Schaumwein-Perlen am Schönsten prickeln

Herr Johnson, muss man all Ihre Bücher gelesen haben, um Wein richtig zu genießen?

Hugh Johnson: Wein ist nicht kompliziert. Entweder schmeckt er oder nicht! Ein schlechter Wein wird nicht besser, wenn Sie über Aromen philosophieren können. Umgekehrt aber kann es die Freude am Genuss steigern, wenn Sie guten Wein mit Aufmerksamkeit trinken. „Wein ist gleichzeitig einfacher, als viele Menschen glauben, und doch viel komplexer, als man denkt.“ Das hat der französische Weinphilosoph Pierre Boisset gesagt.

Wie trinkt man Wein am besten?

In jedem Wein steckt etwas Besonderes. Es ist ein Erlebnis, diesem Geheimnis mit allen Sinnen auf die Spur zu kommen. Der Geruch beim Einschenken ins Glas, wie sich der Duft entfaltet beim Weinschwenken, dann der erste Schluck, wie alles, was ich sehe und rieche den Gaumen durchkreuzt. Ich lasse den Wein im Mund rollen und auf der Zunge zergehen. Dabei genieße ich die Frucht und Struktur. Mit ein wenig Übung kann man den Geschmack entziffern und viele Dinge herausschmecken.

Wie wird man zum Weinkenner?

Wein genießen ist kein Sport oder eine Sache des Alles-oder-nichts! Es gibt einige Weinliebhaber, die sich zu sehr anstrengen und wieder andere, die es nicht ernst genug nehmen. Dabei liegt das rechte Maß der Weinbegeisterung in der Mitte. Worauf es vor allem also ankommt? Jeder kann und sollte sich auf seine Nase und seinen eigenen Geschmack verlassen!

Woran erkennt man guten Wein?

Die Formel für perfekten Wein gibt es tatsächlich. Es sind die drei Ws: Man fragt zuerst nach dem Wo, dem Wer und dem Was, wenn man die Qualität eines Weins bestimmen will. Das Wo steht für die Lage, das Wer für den Winzer und das Was für die Rebsorte. Wenn alle drei Ws zusammenpassen, ist die Chance ziemlich hoch, dass der Wein perfekt ist.

Was ist Ihr Lieblingswein?

Wenn ich nur einen auf eine Insel mitnehmen dürfte, wäre das ein Süßwein, am liebsten einen Royal Tokaji von meinem Weingut in Ungarn. Ich neige sonst nicht zur Übertreibung, aber in diesem Wein wohnen die Engel.

Welches Getränk überrascht Sie zur Zeit am meisten?

Ich dachte immer, dass aus der Champagne die besten Schaumweine kommen. Jetzt kommen sie aus England. Das hängt mit dem Klimawandel zusammen. Die englischen Schaumweine schmecken wirklich fantastisch. Ich prophezeie ihnen eine große Zukunft. Schon jetzt liegen sie bei Blindverkostungen regelmäßig vor den berühmten französischen Namen.

Und wie steht es mit deutschem Wein?

Seit 50 Jahren ist deutscher Riesling meine besondere Leidenschaft. Er gehört für mich zu den feinsten Weißweinen der Welt. Ich liebe die klaren Fruchtaromen, die Eleganz und Leichtigkeit und den langen Nachhall im Mund.

Was würden Sie niemals trinken?

Cola.

Wie wichtig ist Ihnen die Etikette beim Weintrinken?

Manchmal kann ich, wenn ich in einem schönen Restaurant sitze, gar nicht hinsehen, wie einige Gäste das Glas halten. Wer mit einer Hand den Kelch umklammert, kann eigentlich gleich aus einem Becher trinken. Es gehört zum Weingenuss, dass das Glas richtig gehalten wird, nämlich am Stil. Und, bitte: Wein kippt man nicht runter wie einen Durstlöscher. Das ist eine Beleidigung für die vielen Facetten und Aromen, die ihn ausmachen.

Yvonne Cornelius interviewt den Weinkritiker Hugh Johnson

Gentleman des Weins: Hugh Johnson im Interview mit Yvonne Cornelius

Was sagen Sie jemanden, der von sich sagt: „Ich weiß nichts über Wein, aber ich weiß, was mir schmeckt?“

Dass Wein nicht gleich Wein ist, sondern viele Dimensionen haben kann. Um ihn zu genießen muss man natürlich kein Weinlexikon intus haben. Aber es lohnt sich, der Frage nachzugehen, was einen am einem bestimmten Aroma fasziniert. Zum Beispiel, wenn ein Glas Wein nach Urlaub schmeckt.

Sie haben seit den 1970er-Jahren unzählige Bücher über Wein geschrieben, einige davon wie „Der Kleine Johnson“, haben sich weltweit mehr als 10 Millionen mal verkauft. Erinnern Sie sich noch an Ihr erstes Buch? Wie kam es dazu?

Ich war Redakteur für Reisethemen und war viel unterwegs. Wie es der Zufall oder das Schicksal wollte, schrieb ich mehr und Geschichten über Weingüter. Irgendwann hatten wir so viele Weingeschichten, dass der Verlag beschloss, ein Weinbuch herauszubringen. Es trug den schlichten Titel Wine.

Wann haben Sie Ihre Leidenschaft für Wein entdeckt?

Es war im dritten Jahr meines Studiums am King’s College in Cambridge. Ein Mitbewohner, mit dem ich mir ein Zimmer teilte, kam von einer Dinner-Party zurück und sagte: „Das musst du probieren.“ Er stellte mir zwei Gläsern Wein hin und sagte „Was denkst du, Hugh, sind das die gleichen Weine? Oder zwei unterschiedliche?“ Beide waren rote Burgunder, doch einer schmeckte fast magisch, der andere gewöhnlich. Mein Freund versicherte mir, dass beide Weine aus demselben Ort stammten und sogar denselben Jahrgang hatten. Der einzige Unterschied war die Straßenseite auf der die Reben wuchsen! Das hat meine Fantasie beflügelt. Das war mein Schlüsselmoment.

Ahnten Sie damals schon, dass aus der Faszination für den puren Geschmack mal ihr Beruf werden sollte?

Im Rückblick ist das schwer zu sagen. Ich war dreizehn Jahre alt, als ich zum ersten Mal Alkohol trank. Mein Vater gab mir ein kleines Glas Bordeaux, kurz darauf probierte ich einen Sherry. Aber nichts hat mich so beeindruckt, wie das Erlebnis am Kings’ College. Warum schmeckt der eine Wein magisch und der andere fad?

Suchen Sie seitdem nach dem Geheimnis und der Magie des Weins?

Es war die Neugier, durch die ich Wein entdeckte. Und bis heute sorgt diese Neugier dafür, dass ich jedes Mal aufs Neue aufgeregt bin, wenn ich eine Flasche Wein öffne und mich darauf freue, welches Geheimnis sich unter dem Korken verbirgt.

Kann jeder diese Magie des Weines erleben?

Ja, wenn man aufmerksam ist. Ich habe großes Verständnis für Fahrer, die nicht wissen, was unter der Motorhaube ihres Autos vor sich geht. Doch Weintrinker, die keinen Moment lang innehalten, um bewusst zu schmecken was sie trinken, verpassen eine Menge. Mit Wein kann man der Erde ganz nah sein. Dafür muss man kein Mystiker sein. Ein Schluck genügt. Und wenn man dann auf der Zunge spürt, wie sich der Geschmack innerhalb des Radius eines Steinwurfs ändern kann, hat einen die Magie schon gefangen.

Gut zu wissen Buch-Tipp

Auch in der Neuauflage ist Der Kleine Johnson die Pflichtlektüre für Weinkenner

Weinbibel und unverzichtbare Pflichtlektüre: „Der kleine Johnson“ in der aktualisierten Neuauflage

Hugh Johnson ist der erfolgreichste Weinbuchautor aller Zeiten. Seit mehr als einem halben Jahrhundert schreibt er in zahllosen Büchern und Zeitungskolumnen geistreich und amüsant über Wein. Der 1939 geborene Brite ist auch ein angesehener Gehölzkundler. Sein Handbuch „Bäume: Die Wald- und Gartenbäume der Welt“ wurde ein internationaler Bestseller. Seine 2006 veröffentlichte Autobiografie trägt den Titel „A Life Uncorked“. Seine größten Erfolge sind die Bücher „Der Weinatlas“ und das Standardwerk „Der kleine Johnson”, das weltweit über 10 Millionen Mal verkauft wurde. Gerade ist die neueste Auflage im Hallwag Verlag erschienen.

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